Beispiele


Martina

Martina begann ihre Schullaufbahn wie die meisten Kinder auch in der ersten Klasse der Regelschule. Anfänglich gab es nichts Auffälliges. Mit der Zeit zeigte sich aber, dass Martina sehr Mühe hatte im Rechnen. Trotz Stützunterricht erreichte Martina das Lernziel nicht und die Schule empfahl den Eltern, Martina in eine Kleinklasse zu versetzen, da sie dort sehr individuell gefördert würde. Die Versetzung bedeutete allerdings auch, dass Martina aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen wurde und zum Aussenseiter wurde, da die Kleinklasse nicht an ihrem Wohnort war. Ihr grösster Wunsch blieb immer, in die Schule am Wohnort zurückkehren zu können, zu den Leuten zu gehören, einfach eine von ihnen zu sein und dies ist ihr auch gelungen. Begonnen hatte es damit, dass ihr Kleinklassenlehrer festgestellt hatte, dass Martina in der Sprache ein gutes Niveau hatte, dass sie aber im Rechnen einfach nicht weiter kam. Er empfahl den Eltern, Kontakt mit mir aufzunehmen, in der Erwartung, dass ich mit der Gubler - Methode etwas auf den Weg bringen könnte.
Bei der Detailabklärung zeigte sich, dass Martina ihr Potential bei weitem nicht nutzte. Multiplikationsrechnungen z. B. konnte sie nur lösen, indem sie die jeweilige Leiter aufsagte oder genauer gesagt sang. Auch bei einfachen Additionen brauchte sie einen Zählstreifen oder - falls der nicht zur Verfügung stand - die Finger. Das Verständnis für den Zahlenraum war nicht vorhanden. Mit diesen Voraussetzungen war erfolgreiches Rechnen auf dem Niveau der sechsten Klasse nicht möglich.
Wir packten die Arbeit in einer Intensivwoche an. Martina kam sehr gut vorwärts. Nach Abschluss einer Woche hatte sie die Addition und einen Teil der Multiplikation erarbeitet, Erfahrungen gesammelt im Umgang mit Grössen und den Zugang zu den Satzaufgaben aufgebaut. Natürlich war dadurch auch das Selbstwertgefühl erheblich gestiegen. Wieder zurück in der Schule kam ihr der Lehrer in allem entgegen, was sie weiter bringen könnte hin zu ihrem Ziel. Bei einem gemeinsamen Gespräch durften wir feststellen, dass Martina zwischenzeitlich so viel aufgeholt hatte, dass sie mit gutem Gewissen in die Regelklasse reintegriert werden konnte. Dies war auch der Zeitpunkt, als im Deutschunterricht das Thema "Da hatte ich Erfolg" gestellt wurde. Martina schrieb:

DA HATTE ICH ERFOLG

Ich hatte Erfolg zum Thema "Altnau". An allem ist eigentlich Frau Möller schuld, die in Bottighofen wohnt. Herr Richard erzählte meiner Mutter und meinem Vater, dass in Bottighofen eine gewisse Frau Möller als Mathematiktherapeutin und Sprachlehrerin arbeite. Da war meine Mutter sehr froh, weil sie mit der Zeit dachte, mir könnte einfach niemand mehr helfen. Da dachte ich auch: "Endlich kann mir jemand mal helfen, dann lachen mich nicht immer alle aus!" Und wahrhaftig, nach etwa ein oder zwei Monaten schickte Herr Richard das Anmeldegesuch nach Altnau ab.


Martina arbeitete bis zu den Sommerferien noch fleissig weiter, dann kam der grosse Schritt. Sie durfte wieder in ihrem Wohnort die Schule besuchen. Sie wurde sehr gut aufgenommen, fand schnell Freunde und wurde nicht mehr ausgelacht.


Peter

Peter meldete sich im Herbst der dritten Sekundarklasse bei mir. Er wollte gerne Arzt werden und bat mich, ihn auf die Aufnahmeprüfung der Kantonsschule vorzubereiten. In allen sprachlichen Fächern war Peter sehr gut. In Mathematik hatte er eine ungenügende Note. Sein Klassenlehrer hatte ihm abgeraten, die Aufnahmeprüfung zu versuchen und empfahl ihm im Gegenteil dringend, sich um eine Lehrstelle zu bemühen. Aber auf diesem Weg kann man niemals Arzt werden.

Die Abklärung ergab eine gute Intelligenz. Die ungenügende Note im Rechnen war also nicht Abbild seiner Intelligenz, sondern nur seiner momentanen Leistungen. Diese wiederum waren verursacht durch Defizite im Bereich der 2. und 3. Klasse der Primarschule, durch falsche Speicherungen und durch sehr fehleranfällige Rechentechniken. Die Mutter hatte schon in der Mittelstufe die Lehrer mehrmals auf die Schwierigkeiten im Rechnen hingewiesen und nachgefragt, ob eine Unterstützung nicht sinnvoll wäre. Dies wurde aber immer abgelehnt.

So machte sich Peter vor der Kantiprüfung daran, die Lücken der Primarschule zu schliessen und die falschen Speicher zu entschärfen. Nach dieser sehr mühevollen Arbeit kam auch die Belohnung: Bei den Algebra-Aufgaben der Sekundarschule passierten ihm keine Fehler mehr. Die Regeln hatte Peter sehr wohl verstanden, da aber die Basis gefehlt hatte, verbrauchte er viel zu viel Energie, um die alltäglichen Aspekte einer solchen Aufgabe zu bewältigen. Nachdem Peter sich noch gezielt auf die Anforderungen der Prüfung vorbereitet hatte, schaffte er im Rechnen eine genügende Note. Der Weg war frei für sein Ziel, Arzt zu werden.


Sarah

Sarah hatte eben die sechste Klasse begonnen. Sie hatte grosse Schwierigkeiten im Diktat. Auch bei gelernten Diktaten machte sie bis dreissig Fehler. Zu Hause konnte sie es , sagte sie. Zur Erledigung der Aufgaben besuchte sie die Aufgabenhilfe, d.h. sie wurde von einer Frau dreimal in der Woche während einer Stunde einzeln betreut. Die Mutter informierte mich, dass sie in früheren Jahren den Lehrer schon mehrmals angesprochen hätte und um Unterstützung gebeten hätte. Der Lehrer habe sie aber immer mit irgendwelchen Ausreden abgewiesen. Mir gegenüber äusserte sich der Lehrer, das Mädchen sei nur zu faul. Dies sei der Grund für die vielen Fehler und da sie obendrein auch dumm sei, würde eine Unterstützung nach seiner Einschätzung nichts bringen.
Wir packten das Problem trotzdem an. Die Abklärung zeigte, dass das Mädchen von den Anlagen her durchaus arbeitswillig war, dass es aber eine klare Führung brauchte. Auch die Intelligenz war nicht so schwach wie vom Lehrer dargestellt. Nur war das Mädchen inzwischen sehr demotiviert, frustriert und fühlte sich vom Lehrer links liegengelassen.

In nur zehn Lektionen bauten wir die ganze Rechtschreibung auf mit Regeln und Ausnahmen. Das Mädchen arbeitete gut. Es erhielt einen ganz klaren Rahmen, was es täglich zu tun hatte. Dies wurde auch erledigt. Damit stellten sich schon sehr schnell die ersten Erfolge ein. Die Spirale der Hoffnungslosigkeit begann sich in die andere Richtung zu drehen und das Mädchen wurde immer motivierter. Inzwischen hatte es auch gelernt, gezielt zu arbeiten. Dies steigerte das gute Gefühl zusätzlich. Am Ende war Sarah fähig, ein Diktat innert nützlicher Frist vorzubereiten und mit maximal drei Fehlern zu schreiben.
Schade für die verlorene Zeit zuvor!


Helen

Helen arbeitete in der ersten Klasse mit dem Zahlenbuch. Am Ende dieses ersten Schuljahres konnte sie noch nicht geläufig vorwärts und rückwärts zählen bis zwanzig. Einzelne Basisrechnungen (z.B. 7+8) waren falsch gespeichert. Die Strukturen der Zahlen waren nicht klar. In der Raumorientierung hatte sie extrem Mühe. Im Rechnen war sie das Schlusslicht der Klasse. Dafür konnte sie schön zeichnen. Sie hatte viele Ideen und erzählte gerne.

Um Helen aus dieser unangenehmen Situation herauszuführen, bauten wir den Mathematikstoff von allem Anfang an auf. Wir arbeiteten an der Raumorientierung. Mit dem Würfelmosaik bauten wir Stützfunktionen wie Genauigkeit, Systematik, Speicherfähigkeit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten etc. auf. Daneben begannen wir die Basisrechnungen sorgfältig zu kontrollieren, zu speichern und zu automatisieren. Da Helen sehr fleissig war und von ihrer Mutter sehr gut unterstützt wurde, kam sie sehr schnell voran. Bald schon konnte sie den Transfer von den Basisrechnungen zu den höheren Rechnungen (z.B. 27+8 oder 57+8) in Angriff nehmen. Bei den Kopfrechnungen gab es zwar eine kleine Verzögerung, da sie aus der Schule nicht gewohnt war, Rechnungen auditiv zu verarbeiten. Aber auch dies packte sie schnell. Bald schon konnten die restlichen Operationen in Angriff genommen werden. In der Schule zeigten sich erste Erfolge. Beim Krokodilspiel (von zwei Parteien muss immer das vorderste der Reihe möglichst schnell das Ergebnis sagen. Wer zuerst ist, frisst ein Kind der Gegenpartei auf) war sie unschlagbar. Innerhalb eines Vierteljahres hatte sie sich vom Schluss der Klasse an die Spitze bewegt. Manche der Mitschüler konnten es gar nicht glauben. Der klare Aufbau, die klaren Strukturen haben Helen geholfen, sich in der Zahlenwelt zurechtzufinden. Sie hat eine gute Basis, auf der sie alles Weitere aufbauen kann.



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