Wer mit einer Therapie etwas erreichen will, muss sich auf Hausaufgaben einstellen. Die Defizite müssen aufgeholt werden und da es leider keinen Wundertrunk gibt, der das über Nacht erledigt, ist dies immer mit Arbeit verbunden. Während der Hausaufgaben hat der Schüler Gelegenheit, das anlässlich des Unterrichts Aufgenommene nochmals selbständig zu verarbeiten. Diese selbständige Verarbeitung ist bei allem, was man lernt und beherrschen will, unabdingbar notwendig. Natürlich müssen bei den Hausaufgaben ein paar wichtige Punkte berücksichtigt werden. Sie sind nachfolgend aufgeführt (Auszug aus Dyskalkulie, Prävention, Therapie von Dr. Rolf Gubler) und gelten nicht nur für den Mathematikbereich, sondern für alle Schulaufgaben.
Hausaufgaben und Speicherung
Beim Lernen geht es immer um Speicherung und Abruf, z.B von Lösungsstrategien, Techniken oder irgendwelchen anderen Handlungsabläufen.
Während der selbständigen Arbeit bei den Hausaufgaben kann die Korrektheit der Speicherungen kontrolliert werden. Kleine oder grosse Missverständnisse können überall passieren. Sofern diese rasch korrigiert werden können, sind sie recht harmlos. Bleiben sie unkorrigiert, dann führen sie für den Rest des Lebens zu dauernden Fehlleistungen.
Die selbständige Arbeit ist überdies notwendig für eine weite Verankerung von Speicherungen. (Weite Verankerungen entstehen dann, wenn man eine Information mit vielen andern Informationen in neue Zusammenhänge bringt.) Je weiter Speicherungen verankert sind, umso stabiler sind diese, umso vielfältiger sind sie zugänglich und umso besser kann ein späterer Abruf funktionieren.
Die selbständige Arbeit ist zudem notwendig für den Aufbau einer genügend klar strukturierten Speicherung. Davon ist ein rascher und sicherer Abruf abhängig.
Wer bei einer erstmaligen Speicherung einer Information sich eine Sache voll bewusst so merkt, dass sie später möglichst leicht abgerufen werden kann, der leistet eine wesentliche Vorarbeit für einen optimalen späteren Zugriff zur Speicherung. Mit anderen Worten: Wer bereits im Zusammenhang mit der Speicherung weiss, dass er später wieder auf das Wissen der Information angewiesen ist, der speichert anders und wesentlich sinnvoller, als wer "einfach speichert". (Dies entspricht etwa dem wohl geordneten Versorgen im Gegensatz zum Wurf in die "Grümpelkammer". Das eine Mal kann man die Sache leicht wieder finden, das andere Mal ist sie auch im Haus. Aber wie muss man suchen und wie kann man sie wieder finden?) Schüler, welche sich schon beim Unterricht bewusst sind, dass sie später dasselbe bei den Hausaufgaben wieder wissen müssen, speichern anders und besser als solche, die dies nicht erwarten. Die Erwartungshaltung steuert die Speicherung.
Hausaufgaben und Abruf
Spätestens während einer schwierigen Prüfung merkt man, dass nur die abrufbaren Speicherungen für das bewusste Denken und Handeln brauchbar sind. Der Abruffähigkeit von Speicherungen kommt eine grosse Bedeutung zu.
Während der Hausaufgaben kann der Abruf erlernt werden. Erlernen des Abrufs bedeutet hier das Finden eines Weges, der den Abruf ermöglicht. Dabei spielt es in dieser Lernphase keine Rolle, wie man es bis zum richtigen Abruf bringt. Wichtig ist nur, dass man es überhaupt zu einem Abruf bringt. Genau so, wie ich mir den Befehl geben kann, die Augen zu schliessen, kann ich mir auch den Befehl geben, das Ergebnis der Multiplikation 7 x 8 zu sagen. Bei dieser Multiplikation löst dann der innere Befehl den Reflex aus, der den Abruf des gespeicherten Ergebnisses bewirkt.
Jeder Abruf ist sehr eng mit dem Gefühl verbunden. Genau so, wie sicheres Sprechen, Velofahren, Klavierspielen oder Kochen wesentlich davon abhängen, dass man durch und durch davon überzeugt ist, dass man die entsprechende Handlung auch tatsächlich kann. Man vertraut unbewusst voll auf den funktionierenden Abruf. Genau so ist man für sicheres Rechnen davon abhängig, dass man voll überzeugt ist, die entsprechend notwendigen Informationen abrufen zu können. Diese Sicherheit bei den eigenen Gefühlen kann im Zusammenhang mit Hausaufgaben besonders gut aufgebaut werden, denn Hausaufgaben eignen sich speziell dafür, den gelernten Abruf zu üben. Durch ständige variierende Wiederholung kann man es soweit bringen, dass ein Abruf auch unter erschwerten Umständen möglich ist, etwa im Zusammenhang mit Müdigkeit, raschem Themenwechsel oder Stress. Erst dieser selbst erarbeitete und erlebte Erfolg beim Abrufen bringt die genügenden Voraussetzungen für ein erfolgreiches Verhalten bei anspruchsvollen Situationen wie Prüfungen. Durch die relative Selbstständigkeit beim Lösen von Hausaufgaben ist es dabei möglich, so mit dem Abruf und den damit verbundenen Gefühlen umzugehen, dass die innere Sicherheit bis zu einem hohen Grad aufgebaut werden kann.
Selbstständiges Denken und Handeln
Hausaufgaben führen zu selbständigem Denken und Handeln. Im Mathematikunterricht sind die Schüler schon früh gezwungen, selbständig zu denken und zu handeln. Der Grundsatz, wonach ein Schüler in der Mathematik bei allem höchstens dasjenige Niveau erreichen kann, welches er bei analogen Handlungen bereits im Alltag erreicht hat, gilt im Besonderen auch für das selbständige Handeln. D.h., nur solche Schüler, welche vom Alltag her gewohnt sind, selbständig zu handeln und zu denken, können diese Fähigkeiten auch in der Mathematik aufbauen. Neben dem, was dazu die Eltern im Alltag beitragen können, eignen sich dazu die Hausaufgaben besonders gut. Wer es sich zur Gewohnheit gemacht hat, die meisten Hausaufgaben selbständig zu lösen, der ist auch fähig, anderes selbständig zu lösen.
Eltern haben es heute aus verschiedenen Gründen schwerer als früher, ihre Kinder zur Selbständigkeit (auch bei mühsamen Aufgaben!) zu erziehen. Helfen wir ihnen! Verlangen auch wir als Lehrer oder Therapeuten etwas, das in derselben Richtung zieht! Übrigens: Etwas äusserer Zwang wirkt manchmal auch erleichternd, muss man doch dabei nicht allein sämtliche Kräfte mobilisieren.
Und wenn "die andern" gegen Hausaufgaben sind?
Schüler dürfen in Ehren dagegen sein. Sie müssen sie nur trotzdem gewissenhaft lösen. Und wenn sie schlecht arbeiten, jammern oder sich drücken wollen, dann soll das Quantum erhöht werden. Wer routinemässig wenig oder keine Hausaufgaben hat, der findet dieses Wenige noch zu viel. Wer regelmässig belastet ist, der tut seine Pflicht in der Regel ohne Murren! Wer seine Schüler als vollwertige Persönlichkeiten akzeptiert, der ist auch fähig, diesen so klare Informationen über Sinn und Zweck der Hausaufgaben zu geben, dass diese zumindest auf mittlere Frist voll akzeptiert werden.
Eltern, welche Hausaufgaben als eine Zumutung behandeln, müssen mit sich selbst ins Reine kommen, ob sie eine fachgerechte Therapie mit Hausaufgaben oder gar keine Therapie wollen. Wer nicht gewillt ist, diese Zusatzarbeit zu leisten, der sabotiert eine Therapie. Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will, ohne Hausaufgaben kann keine Dyskalkulietherapie zu einem erfolgreichen Abschluss kommen. Lehrer oder Schulpsychologen, welche "aus Prinzip" gegen Hausaufgaben bei einer Dyskalkulietherapie sind, gönnen den andern den Erfolg nicht.
In Ausnahmefällen kann man unter Ausklammerung der Mitarbeit von Eltern versuchen durchzukommen. Dies bedingt eine überlegtere Auswahl der verschiedenen Aufgaben und eine extrem gute Zusammenarbeit zwischen Kind und Therapeut. Wenn der Weg dafür aber gefunden ist, dann kann dies eine Therapie ausserordentlich beschleunigen, da damit zwingend eine grössere Selbständigkeit des Schülers verbunden ist.
Zur Organisation der Hausaufgaben
Hausaufgaben müssen präzis formuliert und mit klaren Zielen versehen werden. Der Schüler (evtl. die Betreuungsperson) muss bei jeder einzelnen Aufgabe ganz genau wissen, wo das Ganze hinauswill. Bei Figuren mit dem Würfelmosaik kann dies z.B. bedeuten, dass man das Gefühl aufbauen muss, dass man mit Sicherheit jede Figur mit neun Würfeln auswendig lernen kann. Das Ziel ist für den Schüler dann erreicht, wenn er so lange erfolgreich solche Figuren auswendig gelernt hat, bis er durch und durch von seinen entsprechenden Fähigkeiten überzeugt ist. Bei der Arbeit mit Zahlen kann das Ziel z.B. heissen, dass man die schriftliche Divisionsaufgabe mit 38 so oft übt, bis man genau diese mit Leichtigkeit sicher lösen kann.
Wenn immer möglich sollte man Hausaufgaben mit Zahlen und solche ohne Zahlen geben. Nur Hausaufgaben mit Zahlen können mit der Zeit einen blockierenden Einfluss ausüben. Nur Hausaufgaben ohne Zahlen führen gefühlsmässig allzu leicht weg vom angestrebten Ziel, dem sicheren Rechnen.
Bei Hausaufgaben über mehrere Tage oder eine Woche darf man nur den wirklich fähigen Schülern die entsprechende Zeiteinteilung ganz allein überlassen. Oft ist es notwendig, für jede einzelne Aufgabe zum Voraus einen genauen Zeitpunkt festzulegen. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, dass die einmalige Aufgabenzeit mindestens eine halbe bis eine ganze Stunde beträgt. Hausaufgaben unter dem Schlagwort "10 Minuten täglich" wirken bei der Dyskalkulie kontraproduktiv. (Die Wirkung mag anders sein bei einem täglichen Krafttraining.)
Bei Hausaufgaben vom Morgen auf den Nachmittag oder vom Abend auf den nächsten Morgen ist die Organisation einfacher. Als Grundregel soll der Schüler einfach beginnen und abwechseln zwischen "Zahlenarbeit" und anderer Arbeit. Wichtig ist vor allem die zielstrebige Arbeit und die Berücksichtigung der empfundenen Gefühle. Wer "genug" hat von der Zahlenarbeit, der soll das Thema wechseln. Wer sich erneut fähig fühlt zur Zahlenarbeit, der soll sie wieder anpacken.
Es ist lohnend, sich von den Schülern oder ihren Eltern den Zeitaufwand für die einzelnen Aufgaben notieren zu lassen. Die damit verbundenen Erfahrungen und Überraschungen verhelfen einem zu sonst verborgenen Einsichten in die Zeiteinteilung der Schüler und den Aufwand für bestimmte Aufgaben.
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